Interview
May 19, 2026

«Der Euro wird zur weltweiten Reservewährung aufsteigen.»

Roger Nordmann engagiert sich seit dem EWR-Nein 1992 in der Europapolitik und macht überraschende Aussagen über die Zukunft der EU und der Schweiz.

Artikel teilen und Pro-Europa-Kräfte der Schweiz stärken

«Der Euro wird zur weltweiten Reservewährung aufsteigen.»

Roger Nordmann war über zwei Jahrzehnte lang Nationalrat, davon 9 Jahre Fraktionschef der SP. Seit 2026 ist er Regierungsrat des Kantons Waadt. Der studierte Politik- und Wirtschaftswissentschaftler engagiert sich seit dem EWR-Nein 1992 intensiv in der Europapolitik der Schweiz. Das Interview wurde im März 2025 geführt, hat aber nicht an Aktualität eingebüsst, im Gegenteil.

Was benötigt Europa derzeit am dringendsten?

Europa bräuchte eigentlich Zeit, um stärker zu werden. Leider häufen sich jedoch die Krisen. Es bleibt daher nur eines: die Krisen nutzen, um sich weiterzuentwickeln. Das entspricht übrigens seit 1951 der Strategie der Europäer. Die Schuldenkrise nach 2008, die Covid-19-Pandemie und nun die Tragödie in der Ukraine – all diese Ereignisse haben die Europäische Union gestärkt und zu ihrer Handlungsfähigkeit beigetragen. Doch in vielen Bereichen ist man noch weit vom Ziel entfernt – insbesondere bei der industriellen und technologischen Entwicklung. Auch bei Bildung und Chancengleichheit gibt es Probleme. Es sind Zeitbomben, die uns mittelfristig um die Ohren fliegen werden, wenn wir sie nicht rechtzeitig entschärfen.

«Zum ersten Mal hat die EU die strategische und mentale Kraft, eine gemeinsame Verteidigung aufzubauen.»

Wie kann Europa wirksam auf die geopolitischen Umwälzungen reagieren?

Was derzeit in den USA passiert, ist kein Zufall und wohl auch keine historische Ausnahme. Der anti-europäische Isolationismus hat dort eine lange Tradition. Aber zum ersten Mal seit einem Jahrhundert hat die EU die strategische und mentale Kraft, eine gemeinsame Verteidigung aufzubauen. Daran müssen die Mitgliedstaaten angesichts der aktuellen Herausforderungen arbeiten – notfalls ohne jene, die nicht mitziehen wollen. Gleichzeitig gilt es, eine echte Industriepolitik zu entwickeln und das chinesische Dumping sowie die unfairen Praktiken der USA nicht länger hinzunehmen. Dass Europa mit dem Euro über eine starke Währung verfügt, ist ein grosser Vorteil. Meiner Einschätzung nach wird der Euro zu einer der weltweit anerkannten Reservewährungen aufsteigen, da die Trump-Regierung momentan das Vertrauen in den Dollar zerstört. Europa sollte ausserdem seine Beziehung zu Afrika neu gestalten. Insgesamt macht der Kontinent grosse Fortschritte – was eine gute Nachricht ist. Afrika ist unser natürlicher Partner; seine Bevölkerung ist jung und dynamisch. Die Traumata des Kolonialismus müssen irgendwie überwunden werden. Das erfordert Anstrengungen von beiden Seiten.

Und die Schweiz in all dem?

Die Schweiz sollte sich würdevoll verhalten, da sie sehr vom europäischen Aufbau profitiert. Sie muss ihren Beitrag leisten, statt – wie so oft – zu versuchen, Vorteile zu nutzen, ohne solidarisch zu sein.

Wie kann die Schweiz vor diesem Hintergrund ihre strategischen Interessen wahren?

Das Problem der Schweiz ist, dass sie ihre strategischen Interessen nicht zu definieren weiss. Der Staat neigt dazu, sich auf die Sicht einiger weniger Grossunternehmen zu beschränken. Diese Haltung ist schlichtweg töricht. Die Schweiz ist interessiert an einer rechtsstaatlichen Weltordnung, einem stabilen Kontinent und einer Welt, die Verantwortung für kommende Generationen übernimmt. Sich ständig vor Washington oder Peking zu verneigen, zeugt von einem völlig fehlgeleiteten Ansatz. Selbst kurzfristig betrachtet ist diese Haltung fruchtlos.

«Die Haltung der Schweiz gegenüber der EU gleicht immer mehr der eines Kantons, der zwar Bundesrecht anwendet, aber keine Vertreter:innen in die Bundesversammlung schickt.»

Sie begleiten die Europadebatte in der Schweiz seit langem. Wie haben Sie deren Entwicklung erlebt?

Ehrlich gesagt sah ich sie eher stagnieren. Die Schweizer Politik beruhigt sich gerne mit ihrer alten Leier vom vermeintlichen «Sonderfall». Allerdings hat in den letzten drei Jahren ein Umdenken eingesetzt. Ich denke, dass Russlands Aggression in der Ukraine und die wirren Äusserungen Trumps an diesem Meinungswandel nicht unbeteiligt sind – letztlich hat diese Entwicklung zum Abschluss der Bilateralen III beigetragen.

Welche Voraussetzungen müssen Ihrer Meinung nach erfüllt sein, damit das neue Vertragspaket mit der EU breite Zustimmung in der Schweizer Bevölkerung findet?

Kurzfristig geht es um den Erfolg der Bilateralen III. Langfristig muss die Schweiz der EU unbedingt beitreten – zum einen, um sich einzubringen, und zum anderen, um ihre Interessen zu verteidigen. Die Haltung der Schweiz gegenüber der EU gleicht immer mehr der eines Kantons, der die Bundespolitik boykottiert. Stellen Sie sich einen Kanton vor, der das Bundesrecht anwendet, aber keine Vertreter:innen in die Bundesversammlung schickt, nicht an eidgenössischen Abstimmungen teilnimmt und sich nicht an interkantonalen Konferenzen beteiligt. Jeder würde sagen, dieser Kanton vertrete seine Interessen schlecht und handle absurd. Genauso verhält sich die Schweiz gegenüber der EU. Ein trauriger Befund.

ROGER NORDMANN ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (SP) und war nach seinem politischen Aufstieg im Kanton Waadt von 2004 bis 2025 Nationalrat. Er war zudem Präsident der SP-Bundeshausfraktion (2015 bis 2023) und Mitglied der Parlamentarischen Untersuchungskommission zur UBS-Credit-Suisse-Fusion. Nach seinem Rücktritt von der nationalen Politbühne wurde der studierte Politik- und Wirtschaftswissentschaftler im März 2026 in die Waadtländer Regierung gewählt. Er engagierte sich über viele Jahre für die Neue Europäische Bewegung Schweiz (Nebs), nachdem er nach dem EWR-Nein an der Gründung der pro-europäischen Bewegung «Geboren am 7. Dezember 1992» mitgewirkt hatte.

Artikel teilen und Pro-Europa-Kräfte der Schweiz stärken

Das Neuste für Sie

Sie erhalten einmal monatlich eine E-Mail mit Links zu den neusten Beiträgen.

Gratis-Abo

INMITTEN-Magazin – die Europa-Stimme der Schweiz

Smartphone in einer Hand vor blauem Hintergrund; auf dem Bildschirm dieses Online-Magazin mit Artikel „Was, wenn der Zufall regiert?“ und Bild von fünf Würfeln auf rotem Hintergrund.