Drei Plätze für Auslandsstudien für 200 Studierende, magere Stipendien und verpasste Chancen: Studienaufenthalte im Ausland bleiben oft Träume, weil die Schweiz nicht Teil der «Erasmus+»-Programms der EU ist.
Artikel teilen und Pro-Europa-Kräfte der Schweiz stärken

Emilie Schranz wollte im Ausland studieren, doch die fehlende Teilnahme der Schweiz am EU-Programm «Erasmus+» machte ihre Träume zunichte. Im Interview zählt sie die finanziellen und bürokratischen Hürden auf, mit denen Schweizer Studierende seit über zehn Jahren konfrontiert sind. Sie engagiert sich in verschiedenen Funktionen für die Interessen von Studierenden und fordert einen sofortigen Wiedereinstieg in das europäische Bildungsnetzwerk. Das Interview wurde im Herbst 2025 geführt, die Situation ist jedoch unverändert die gleiche.
Während meines Bachelor- und anschliessenden Masterstudiums habe ich mehrfach versucht, ein lang gehegtes Ziel zu verwirklichen: ein Auslandsstudium in Kanada. Leider wurde ich nicht angenommen, da die Schweiz kein Mitglied des «Erasmus+»-Programms und das Angebot zu begrenzt war.
Da die Schweiz kein Mitglied des «Erasmus+»-Programms der EU ist, waren die Plätze für das Auslandsstudium in Kanada auf drei Plätze an zwei verschiedenen Universitäten begrenzt – für alle 200 Bachelor-Studierenden der Naturwissenschaften an der Universität Neuenburg.
Ein Jahr später bot eine Universität in Frankreich einen interessanten Studiengang für mein Fachgebiet an. Dabei stellten sich zwei Probleme: Erstens war es unmöglich, diesen Austausch mit der in meinem Studiengang obligatorischen Bachelorarbeit zu vereinbaren, und zweitens reichte die äusserst begrenzte finanzielle Unterstützung weder für die Miete eines Studios noch für meine Einkäufe vor Ort oder für Unterrichtsmaterialien. Die derzeit verfügbaren finanziellen Hilfen für Austauschprogramme im Rahmen von «Erasmus+» und SEMP (Swiss-European Mobility Programme) sind magere administrative Ausgleichszahlungen, die nicht dazu dienen, Studierenden in prekären Situationen einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen.
«Seit 2014 befinden sich Schweizer Studierende, die von Auslandssemestern profitieren möchten, in einer prekären Lage.»
Diese beiden Probleme hätten sich nicht gestellt oder wären weniger gravierend gewesen, wenn die Schweiz Vollmitglied von «Erasmus+» gewesen wäre. Da «Erasmus+» viel flexibler ist als die derzeit angebotenen Programme, gibt es mehr interinstitutionelle Vereinbarungen, die es ermöglichen, sein Bachelorstudium an einer anderen Universität oder Hochschule zu ersetzen oder fortzusetzen. So musste ich trotz grosser Motivation und solider Unterlagen mehrfach auf diese Mobilitätsprojekte verzichten.
Mein Werdegang ist kein Einzelfall. Seit 2014 befinden sich Schweizer Studierende, die von Auslandsemestern profitieren möchten, in einer prekären Lage. Da wir keinen direkten Zugang zu «Erasmus+» haben, sehen wir uns mit aufwändigeren Verwaltungsabläufen, unsicheren Finanzierungen und oft einer geringeren Auswahl an Zielorten konfrontiert. Während unsere europäischen Kommilitonen auf eine klare Struktur, harmonisierte Stipendien und vereinfachte Vereinbarungen zählen können, sind wir auf nationale Ersatzlösungen angewiesen, die weit weniger effizient sind.
Mein Studienlaufbahn wäre anders verlaufen, wenn die Schweiz sich dafür entschieden hätte, ihr europäisches Engagement im Bildungsbereich aufrechtzuerhalten. Ich hätte andere Länder, andere pädagogische Methoden und andere berufliche Horizonte entdeckt. Ich muss immer daran denken, was «Erasmus+» ganzen Generationen von Europäerinnen und Europäern gebracht hat, aufgebaut auf einem Ideal der Mobilität und Solidarität.
«Kein Student sollte länger gezwungen sein, seine Träume von internationalen Studienaufenthalten aufzugeben.»
In einer Zeit, in der die Zukunft auf internationaler Ebene entschieden wird, ist es von grosser Bedeutung, dass die Schweiz wieder dem «Erasmus+»-Programm beitritt. Nicht als Beobachterin am Rand, sondern als vollwertige Akteurin in einem Europa des Wissens. Damit keine Studierenden mehr gezwungen sind, ihre Träume von internationalen Studienaufenthalten aufzugeben, damit Offenheit weiterhin im Mittelpunkt unserer Universitäten steht, und damit die Schweizer Jugend ihren rechtmässigen Platz in diesem gemeinsamen Abenteuer wiederfindet.
EMILIE SCHRANZ verfügt über einen Masterabschluss in Biologie der Universität Neuenburg. Sie bringt umfangreiche Erfahrung in der Vertretung von Studierendeninteressen mit: So war sie Co-Präsidentin der Association Neuchâteloise des Etudiant-e-x-s en Sciences (ANES) sowie Co-Präsidentin der Fédération des Etudiant-e-x-s Neuchâtelois-e-x-s (FEN), dem Dachverband der Studierenden der Universität Neuenburg. Derzeit setzt sie ihre Erfahrung als Vizepräsidentin des Erasmus Student Network (ESN) Neuchâtel ein, einem Verein, der Studierende im Rahmen der Schweizer Mobilitätsprogramme für akademischen Austausch nach Neuenburg empfängt und unterstützt. Emilie Schranz engagiert sich leidenschaftlich für eine Schweiz, die offen für Europa und die Welt ist, insbesondere im akademischen Bereich, wo Fortschritt stark von den persönlichen und beruflichen Netzwerken abhängt, die aufgebaut werden können.
Artikel teilen und Pro-Europa-Kräfte der Schweiz stärken
Sie erhalten einmal monatlich eine E-Mail mit Links zu den neusten Beiträgen.
Gratis-AboINMITTEN-Magazin – die Europa-Stimme der Schweiz
